Anna

Anonymer Engel

Unruhig wälzte Juli sich hin und her. Der Boden unter ihr war hart und kalt. Überhaupt fror sie. Sie wickelte ihr Jacke noch enger um sich, aber das brachte nicht viel. Sie überlegte, ob sie in den Supermarkt gehen und sich Schnaps kaufen sollte, der würde sie wenigstens etwas wärmen. Das ließ sie dann aber doch, weil sie wusste, dass sie dann sofort wieder rückfällig werden würde. Und das wollte sie unter gar keinen Umständen. Da bekam sie lieber Fieber und Husten. Aber sie hatte Jan schwören müssen, dass sie nicht wieder Alkohol- und Drogenabhängig wurde. Auch wenn sie diesen Schwur am liebsten brechen wollte in den letzten Monaten, sie konnte es nicht. Und das, obwohl Jan inzwischen seit über drei Monaten tot war. Eines Morgens war er einfach nicht zurückgekommen. Juli wusste nicht einmal, was er eigentlich immer getrieben hatte, wenn er Nacht für Nacht gegangen und erst im Morgengrauen wieder gekommen war. Diese Gedanken quälten sie oft und wenn es nicht die Kälte war, die sie nicht schlafen ließ, waren es die Gedanken, die ihr das Gehirn zermarterten. Seit sie denken konnte war Julis Leben schrecklich gewesen: ihre Mutter hatte sie bereits mit 16 bekommen, der Vater war abgehauen und Juli war nur in Kinderheimen aufgewachsen. Mit 13 war sie aus dem letzten Heim, wenn sie sich richtig erinnerte war es das dritte gewesen, abgehauen und lebte seit dem auf der Straße. Inzwischen lebte sie dort seit drei Jahren und kam mehr oder weniger klar. Sie hatte sich daran gewöhnt nicht mehr jeden Tag etwas zum Essen zu haben, nicht duschen oder ihre Klamotten wechseln zu können und das ein oder andere klauen zu müssen.
Juli hielt vor lauter Kälte nicht mehr aus und stand auf. Sie rannte erst ein Stück die Straße entlang um warm zu werden. Als sie wieder anhielt war sie im Park. Mit langsamen Schritten schlenderte sie weiter und ließ sich schließlich erschöpft auf eine Bank fallen. Sobald sie lag war sie auch schon eingeschlafen.
,,Hey, du. Hallo? Hörst du mich?“ Juli schlug die Augen auf. Vor ihr stand ein Junge, der ungefähr so alt war wie sie. Er lächelte sie an. ,,Kann ich dir helfen?“, fragte er freundlich. ,,Oder frag ich so: soll ich dir helfen? Weil so wie du aussiehst kann man dir auf jeden Fall helfen.“
Schüchtern lächelte Juli zurück. Sie wusste nicht wieso, aber sie vertraute diesem Junge sofort. Vielleicht lag es auch daran, dass er sie ansprach und nicht, wie die meisten Menschen, einen Bogen um sie machte.
Als sich der Junge auch noch, wie selbstverständlich, neben sie setzte und sie nicht unter Druck setzte, sondern abwartete, bis sie bereit war zu reden, sprudelte plötzlich alles aus ihr heraus.
Zwei Stunden hatte sie ihm alles erzählt und begann auf einmal zu weinen. Sie wusste nicht, wieso, aber es erleichterte sie zu weinen. Plötzlich merkte Juli wie sich ein Arm um ihre Schulter legte und sie sanft streichelte. ,,Hey, ist schon okay.“, beruhigte der Junge sie. Und dann fragte er sie plötzlich, ganz unvermittelt. ,,Willst du heute Abend mit zu mir kommen? Dann musst du nicht wieder draußen schlafen.“ Juli nickte und nach einem kurzen Zögern lächelte sie den Junge kurz an. Er stand auf und hielt ihr seine Hand hin. ,,Na komm, gehen wir zu mir.“, forderte er sie auf. Ohne dieses Mal zu zögern nahm sie seine Hand und sie gingen los.
Nach einer guten Viertelstunde standen sie vor einem grauen Mehrfamilienhaus. Der Junge schloß die Tür auf und zog sie regelrecht mit in den zweiten Stock, wo er vor einer der Wohnungen halt machte. ,,Willst du was essen?“, fragte er sie, als sie in der Wohnung standen. Juli nickte wieder nur. Der Junge ging in die Küche und machte dort irgendwas. Bereits zehn Minuten später stellte er zwei Teller mit Nudeln auf den Tisch. Sofort begann Juli zu essen, sie konnte nicht mehr warten. Viel zu lange hatte sie so etwas gutes nicht mehr gegessen.
,,Ähm, ist es okay, wenn ich mich ein bisschen hinlege?“, fragte sie den Junge nach dem Essen.
,,Klar, komm mit.“, meinte er freundlich und stand auf. Sie folgte ihm in ein Schlafzimmer. ,,So, bitte schön. Du kannst hier schlafen.“
,,Danke.“ Ohne sich auszuziehen legte sie sich ins Bett und schlief sofort ein.
Mitten in der Nacht wachte Juli wieder auf. Sie hatte einen beunruhigenden Traum gehabt und etwas beschlossen. Sie knipste das Licht an, fand alles, was sie brauchte und schrieb einen Brief. Den legte sie auf ,,ihr“ Kopfkissen und schlich aus der Wohnung.
Sie ging zum Bahnhof. Sie wusste selber nicht ganz genau, wieso sie das tat, aber es schien ihr das Beste für sie. Am Bahnhof angekommen setzte sie sich auf einen Bahnsteig. Der Bahnsteig war menschenleer, aber gleich würde der ICE nach Amsterdam hier durch fahren, das wusste Juli. Sie wurde nervös, jetzt bloß keinen Rückzieher machen! Drei Minuten später, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, sah sie endlich die Lichter des Zuges. Schnell nährten sie sich. Als der Zug nah genug bei ihr war, ging alles ganz schnell: noch bevor der Zugfahrer auch nur erahnen konnte, was sie vorhatte, sprang sie.

Am nächsten Morgen fand der Junge den Brief auf dem Kopfkissen. Er öffnete ihn und begann zu lesen: ,,Hey! Wie auch immer du heißt. Danke für gestern, aber es war umsonst. Ich kann nicht mehr! Dafür ist in meinem Leben zu viel passiert. Bitte mach dir keine Vorwürfe oder so, es hat nichts mit dir zu tun! Es ist besser so! Juli
P.S. Ich hätte gern erfahren wie du heißt.“

Langsam ließ der Junge den Brief sinken. Tränen liefen ihm über die Wangen, er konnte es nicht fassen! Sie hatte es wirklich getan! Sie hatte sich wirklich umgebracht!

Noch am selben Tag ging er zum Bahnhof. Dass es dort geschehen war, erfuhr er über die Nachrichten. Er legte eine Rose auf den Bahnsteig. Mit Tränen in den Augen flüsterte er leise: ,,Ich heiße Bill!“
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