Desi

Ich bin nicht Ich!

Kapitel 1

"Wieso musste dieser olle neue Schuldirex denn unbedingt hitzefrei abschaffen ?“,fragte sich Ricky zum mindestens tausendsten Mal in dieser Stunde. Mathe war noch nie so ätzend gewesen wie in diesem Moment. Während Herr Willer, der Mathelehrer und auch neue Schuldirektor, ihnen irgendwelche komplizierten Formeln einzutrichtern versuchte, bemühten sich die rund dreißig Schüler und Schülerinnen ihm zu folgen. Alle bis auf Ricky. Die rebellische und verzogene Ricky, wie Herr Willer sie immer nannte. Er war ihr schon seit Beginn des neuen Schuljahres, also seit circa einem Jahr unsympathisch gewesen, aber er war auch genau die Person, die sie herausforderte an ihre Grenzen zu gehen und alles mögliche zu tun, um ihn auf die Palme zu bringen. Das Nachsitzen, was sie sich damit immer wieder einhandelte, schien sich für sie sogar zu lohnen. Zwar hatte Herr Willer oder auch Willi, wie er unter den Schülern genannt wurde, Ricky oft mit Schulverweis gedroht, doch dafür waren ihre Streiche und andere Aufsässigkeiten nie extrem genug gewesen. Ricky kannte ihre Grenzen. Sogar den Kommentar, dass ihr Vater ihr keine Manieren beigebracht hatte, schluckte sie herunter, ohne irgendeine Revanche im Hinterkopf zu planen. Herr Willer wusste nicht, dass ihr Vater vor zwei Jahren durch einen Motorradunfall um’s Leben gekommen war.
Rickys Hals war trocken. Sehnsüchtig blickte sie zu ihrer Wasserflasche, die aus dem offenen Rucksack heraus schaute. Ganz unschuldig und verführerisch stand sie da. Rickys Hand tauchte unter die Schulbank und griff nach der Flasche. Sie platzierte die kühle Flasche zwischen ihren Schenkeln, drehte den Deckel auf und die Kohlensäure zischte.
„Bist du verrückt? Willst du denn wieder heute Nachmittag nachsitzen ? Wir wollten doch ins Schwimmbad !“, flüsterte ihre Banknachbarin Natalie ihr warnend zu. Natalie war Rickys beste Freundin. Schon immer. Sie waren wie geistige Zwillinge, aber äußerlich sahen sie sich gar nicht ähnlich.
Natalie hatte dicke, lange, braune Haare, war sehr groß und schlank, hatte grün-braune Augen, die mit langen schwarzen Wimpern umrandet waren.
Ricky war kleiner, etwas fester gebaut als Natalie, hatte schulterlange, dunkelblonde mit hellblonden Strähnchen, leicht lockige haare und stechendblaue Augen, die sie am meisten an sich selbst mochte. Sie betonte sie jeden Tag mit schwarzem Kajal, Wimperntusche und Lidschatten.
Außerdem hatte sie eine große vorliebe für Piercings und Tattoos. Doch bis auf drei Ohrlöcher auf jeder Seite ihrer Ohren, erlaubte ihre Mutter nichts. Das war auch der Grund weshalb sie zur Hobbypiercerin und mittlerweile Tattoowiererin geworden war.
Ihr rechtes Ohr war mit fünf Ohrsteckern geziert, wovon sie zwei selbst gestochen hatte. Das linke Ohr hatte nur vier, eins davon war oben an der Ohrmuschel, was noch frisch gestochen war.
Zur Zeit hatte sie im Gesicht nur ein Piercing .und zwar in der Zunge. Das war schon fast einen Monat alt. Das hatte sie sich allerdings nicht selbst gestochen, weil ihr das dann doch zu gefährlich war. Bis jetzt hatte ihre Mutter es noch nicht bemerkt, was auch hoffentlich so blieb. Denn Ricky hatte es sich von ihrem selbstverdientem Geld bezahlt, das sie sich durch jobben in ihrem Lieblingscafi, das ‚Fresh’, beschafft hat.
Fest jedes Wochenende arbeitete sie dort und in den Ferien jeden Tag.
Demnächst würde sie ihre Nase mit einem Ring besser zur Geltung bringen, hatte sie letzte Woche beschlossen.
Aber im Augenblick vergnügte sie sich noch mit ihrem Zungenpiercing und ihrem Bauchnabelpiercing, ihrem ersten Piercing. Es war mindestens ein Jahr alt. Natalie hatte auch eins. Sie hatte es sich von Ricky machen lassen, als so zu sagendes Freundschaftspiercing. Doch zu einem Freundschaftstattoo war sie noch nicht ganz bereit, da ihre Eltern durch Schockkonfrontation noch strenger wurden im Gegensatz zu Rickys Mutter, die meinte nur, dass das Piercing an Rickys bauch gut aussähe, auch den kleinen Stern an der Innenseite ihres linken Unterarms fand sie ganz gut gelungen.
Ihre Mutter hatte eigentlich nichts gegen den ganzen Körperschmuck, es sei denn es verschandelte Rickys schönes Gesicht, wie die Mutter immer wieder liebevoll erklärte. Selbst sie war mal jung gewesen und hat ihre wilde Phase ausgelebt. Doch sie hatte eine schlechte Erfahrung mit einem Augenbrauenpiercing gemacht. Nun war das zarte und noch sehr junge Gesicht zur Hälfte gelähmt, was ihre Mutter sehr bereute. Es war wirklich schade für ihre Mutter, denn sie war erst vierunddreißig.
Doch Ricky war es trotz des großen Risikos egal. Sie stach sich munter weitere Piercings, auch wenn sie sie nach spätestens einem Tag wieder raus machen musste. So war es auf jeden Fall mit ihren Lippenpiercings gewesen. Obwohl ihre Mutter fand, dass sie Ricky standen, sie meinte immer, dass diese sich noch entzünden könnten.
„So’n Quatsch ! Morgen gibt’s Zeugnisse ! Da wird der mich wohl kaum zum Hoffegen verdonnern!“, wehrte Ricky ab.
Sie setzte die Flasche an ihre blutroten Lippen.
„Fräulein Richard, wie schön, dass sie sich mal wieder freiwillig zum Schulhofreinigen melden!“, sagte Herr Willer.
Ricky stöhnte auf und murmelte etwas unfreundliches.
„Ganz toll Ricky!“, maulte Natalie.
„Möchtest du ihr Gesellschaft leisten, Natalie?", ermahnte Willi sie.
„Nee, eigentlich nicht !“, gab sie kleinlaut von sich.
„Wie astig !“,nuschelte Ricky.
„Du bist ja nett zu deiner einzigen Freundin!“, bemerkte der Lehrer.
„Ich meinte doch gar nicht Natalie!“
Ricky funkelte ihren Mathelehrer böse an.
„Flur !“, rief er knapp.
Ricky stand auf und schmuggelte unauffällig die Wasserflasche mit nach draußen.
„Alter Spießer!“, zischte sie noch und trank endlich.
Herr Willer war schon ziemlich altmodisch. Wahrscheinlich war auch Rickys Style der Grund, warum er ihr seine Abneigung so offen zeigte. Es machte nun mal keinen guten Eindruck auf einen alten Mann, wenn ein Mädchen sich die Nägel schwarz lackierte und zerfetzte Hosen trug.
Auch Natalie bekam das oft zu spüren, wenn sie sich ab und zu so stylte, was sie immer tat, wenn ihr Vater auf Geschäftsreise war.
Nachdem Ricky ihren Durst gestillt hatte starrte sie gelangweilt auf die Spitzen ihrer geliebten Chucks. sie trug nur diese Sorte von Schuhen und hatte sie auch in fast jeder Farbe.
„Hey, wen haben wir denn hier?“, hörte sie die gehässige stimme von Lenny.
Lenny war in ihrer Parallelklasse und ein richtiges Arschloch. Vor ungefähr einem halben Jahr war er mit Natalie zusammen gewesen. Ricky hatte versucht, die beiden auseinander zu bringen, weil er Natalie immer wieder betrogen hatte. Er hatte sogar versucht, sich an Ricky ranzumachen. als sie ihn abblitzen ließ und Natalie endgültig beweisen konnte, was für ein Arsch er war, was zur Trennung führte, verbreitete er das Gerücht, dass Ricky lesbisch wäre. Das Gerücht war jetzt zum Teil immer noch aktuell.
„Na, wurdest du wegen Rumschlecken mit Natalie rausgeschmissen?“,lachte er.
„Und warum bist du hier aufm Flur anstatt beim Unterricht? Wieder mit nem Lehrer gepoppt, um versetzt zu werden?“, konterte sie.
„Uh, da lässt jemand ja ganz coole Sprüche!“
„Besser als deine ! Und sie entsprechen sogar der Wahrheit!“
„Ich hab so was ja nicht nötig im Gegensatz zu dir!“
„Ich hatte im letzten Jahr keine einzige fünf, während in deinem drei waren!“
„Tja ich hab halt was besseres am Tag zu tun, als zu lernen und heimlich Mädels anzuhimmeln!“
„Ja, du verbringst deinen Tag damit dir Pornos reinzuziehen, ne?“
„Immerhin hab ich schon Erfahrung! Was man ja von dir nicht behaupten kann! Mit deiner hässlichen Alten!“
Ricky sprang auf.
„Nimm das zurück!“, forderte sie ihn wütend auf.
„Was? Aber das ist doch nur die Wahrheit! Deine Mutter ist Krüppel!“
Ricky ging auf Lenny los und schlug ihn mit ihrer faust direkt aufs Auge. es war so ein harter Schlag, dass er zu Boden fiel und laut aufschrie. Ricky setzte sich auf ihn und zog ihm am Kragen hoch.
„Nimm es zurück!“, verlangte sie noch einmal.
Auf einmal wurden sämtliche Türen aufgerissen und einige Lehrer rannten raus, unter anderem Herr Willer.
Er packte Ricky grob am arm und zerrte sie von Lenny weg.
„Was soll das denn jetzt?“, wollte dieser wissen.
„Der Arsch hat meine Mutter beleidigt!“, sagte sie aufgebracht.
„Das stimmt nicht! Diese Kampflesbe ist wie eine wilde Furie auf mich losgegangen!“, protestierte Lenny sofort.
„Diesmal bist du zu weit gegangen! Ich rufe deine Eltern an ! Ich hoffe, dein Vater wird dir eine ordentliche Tracht Prügel erteilen ! Damit du endlich mal diese Dummheiten aus dem Kopf kriegst !“, sagte er.
„Mein Vater ist tot!“, schrie Ricky laut, löste sich aus seinem Griff und rannte aus der Schule.
Sie rannte bis zu den Fahrradständern. Erst dort holte sie wieder Luft. Sie nahm sich ihr Rad und fuhr heim.

In der kleinen Wohnung angekommen, lief Ricky auf den Balkon. Sie nahm sich eine Kippe aus der Packung, die auf dem Fensterbrett lag. Sie war zwar noch nicht sechzehn, aber tat es trotzdem. Auch wenn es ihrer Mutter missfiel. Sie zündete se sich an und setzte sich auf den Boden.
„Zum Glück hat Mum geregelte Arbeitszeiten beim Aldi!“, dachte Ricky, als sie einen tiefen Zug von der Zigarette nahm.
Sie war froh, wenn dieses Schuljahr vorbei war. Ferien bedeuteten sechs Wochen lang keinen Lenny, keinen Willi und keine Schule.
Ricky hasste es, um sechs Uhr morgens aufzustehen zu müssen, weil sie einen weiten Schulweg hatte. Außerdem wäre sie dort eh nur von Idioten umgeben. Außer Natalie natürlich. Und vielleicht noch Herrn Müller ihren Englischlehrer. Er war ganz ok, fand Ricky. Mit ihm konnte man Witze machen und der Unterricht war lustig. Er und ihr Vater waren wohl die einzigen netten Männer auf dieser Welt. Alle anderen waren Arschlöcher, die Ricky im Prinzip hasste. Lenny war ein Arsch, Herr Willer, ihr Opa, der ihre Familie ablehnte, weil sein Sohn ihre Mutter geheiratet hatte. Er schrieb nie und rief auch nie an. Nicht mal an Geburtstagen oder Feiertagen. Nicht mal zur Beerdigung war er da, obwohl er eine Einladung bekommen hatte.
Natalies Familie war ganz anders. Sie wohnte auch relativ nah aneinander. Rickys Großvater wohnte sogar in einem anderen Bundesland.
„Da kann er auch bleiben!“, dachte sich Ricky und schnippte den Stummel ihrer Kippe weg.
Sie brauchte keine Männer. Sie brachen ihr alle nur das Herz. Ihr Vater ließ sie und ihre Mutter einfach alleine, ihr eigener Opa und wohl letztes Familienmitglied wollte nichts von ihr wissen und der Rest der Männer waren alles Schweine. Einer unter diesen vielen Schweinen war Benedikt, ihr Exfreund. Bis auf Natalie wusste keiner von den beiden. Mittlerweile war es auch schon über ein Jahr her und Ricky war über ihn hinweg. Aber er hatte ihr trotzdem sehr wehgetan. Er behandelte sie in der Öffentlichkeit wie Luft und privat wollte er ihr auf gut Deutsch an die Wäsche. Und auf so was konnte sie verzichten.
Plötzlich riss ihr klingelndes Handy sie aus ihren Gedanken. Sie nahm ab und schon keifte Natalie los:
„Warum bist du einfach abgehauen ? Wir wollten doch nach der Schule ins Schwimmbad ! Und jetzt musste ich deinen Rucksack mit mir rumschleppen ! Überhaupt…“
„Beruhig dich erstmal ! Dein scheiß Ex hat wieder für Probleme gesorgt. Ich komm zu dir und erklärs dir, ok?“, unterbrach Ricky sie.
„Ich komme lieber zu dir !“
Jetzt, wo ihre beste Freundin nicht mehr in den Hörer schrie, konnte man anderes Gebrüll im Hintergrund hören, wahrscheinlich stritten sich Natalies Eltern mal wieder, das taten sie in letzter Zeit oft.
„Ja klar ! Bis gleich!“, verabschiedete sich Ricky von ihr.
Sie lief ins Bad, putzte sich ihre Zähne, dann wusch sie ausgiebig ihre Hände mit Seife. Ihre Mutter würde bald von der Arbeit zurück kommen. Natürlich nur für die Mittagspause. Rickys Mutter arbeitete viel und war deswegen oft den ganzen Tag weg, was auch Vorteile für Ricky hatte.
Sie betrat ihr unordentliches Zimmer. Eigentlich würde sie jetzt gerne ein Graffiti auf ein riesiges weißes Blatt zeichnen, aber Natalie würde gleich kommen.
Rickys große Leidenschaft war das Zeichnen, besonders Graffiti. Doch leider gab es in ihrer Kleinstadt wenige Wände, die man legal besprayen konnte. Sie mochte zwar das Risiko und hatte keine Angst, weder schreckte sie der Gefahr eine harte Bestrafung zu kassieren ab, aber Ricky hielt sich trotzdem an die Regeln. Besonders, weil diese von ihrem Vater kam. Seit er tot war, respektierte sie seine Verbote und Regeln noch mehr. Vorsichtig strich sie über sein Gesicht auf dem Foto, das auf ihrem Nachttisch lag.
Es klingelte. Ricky sprang auf und machte ihrer besten Freundin die Tür auf. Diese fiel ihr auch gleich um den Hals.
„Es ist so schlimm! Sie streiten sich wegen jedem Scheiß !“, schoss sie los.
In ihrer Stimme hörte man ein leichtes Wimmern raus.
„Komm erst mal rein!“ ,meinte Ricky mit sanftem Ton.
Ricky nahm ihr ihren Rucksack ab und sie liefen in ihr Zimmer.
„Willste was trinken?“, fragte sie.
„Nee, aber Schokolade !“
Ricky lief in die Küche um ein Glas Nutella zu holen. Etwas streifte ihr Bein. Es war ihr Hund L.A. .Ricky liebte die Stadt L.A. und als sie diesen Hund das erste mal sah war es um sie geschehen. Sie streichelte ihn kurz. Sicher hatte er wieder unter ihrem Bett geschlafen. Das tat er immer, wenn sie nicht da war. In der Nacht schlief er nämlich in ihrem Bett.
„Hey mein Kleiner ! Heute abend gibt es wieder ein Seifenbad !“, begrüßte sie ihn.
Sie badete ihn ein bis zweimal die Woche, weil sie Hundegeruch eigentlich nicht mochte.
Ricky ging wieder in ihr Zimmer, bewaffnet mit einem Glas Nutella und zwei Suppenlöffeln und L.A. im Schlepptau.
„Also warum haben sie sich diesmal gezofft ?“, wollte Ricky nun von ihrer Freundin wissen.
„Keine Ahnung mehr ! Und du und Lenny ?“
„Ach der hat Shit über meine Mutter gelabert...aber Willi glaubt mir ’türlich nicht!“
„Was machen wir eigentlich morgen?“
„Ähm…..Party ? Wieder Disko ? Oder DVD ? Heimlich in deinem Pool schwimmen gehen in der Nacht?“
„Alles zusammen ! Morgen ist mein Daddy für’n halbes Jahr weg ! Er kriegt nicht mal mehr mein Zeugnis in die Hände!“
„Geil ! Sollen wir Alk und so kaufen ?“
„Klar! Hatten wir schon lange nicht mehr!“
„Das hat auch seinen Grund, ne?“
„Ach du bist mies!“
Die Freundinnen lachten. Dann machte Ricky ihren PC an.
„Die Ärzte, Linkin Park, Metallica, The Rasmus ?“
„Ach lass alles laufen!“
Das Telefon klingelte. Ricky machte die Musik leiser und nahm ab:
„Richard?“
„Guten Tag ! Hier ist Herr Willer. Ist deine Mutter zu sprechen?“
„Nee, die müsst eigentlich schon da sein, aber wahrscheinlich is se gleich da.“
„was für eine ordinäre Umgangssprache du pflegst!“
„Kann ja nich jeder so langweilig rumlabern !“
„Werd nicht frech!“
„Wieso ? Sagen Sie’s sonst meinem Vater, damit er mich windelweich prügelt?“
„Ich wusste doch nicht, dass dein Vater verstorben ist. Es tut mir ja auch leid.“
„Aber trotzdem glauben sie Lenny mehr als mir ! Als ob ich einfach irgendwelche Leute ohne Grund verprügle!“
„Du bist ja auch ein besonderer Fall !“
„Wie bitte ? Nur weil meine Mom nich mit dem Direx in die Kiste hüpft?“
„Ich habe keinen Verkehr mit den Müttern meiner Schüler !!“
„Außer mit der von Lenny !“
„Das ist mir jetzt zu primitiv ! Auf Wiederhören !“
Das war klar, dass er jetzt auflegte, wo Ricky ihren Trumpf ausspielte.
Als sie einmal nachsitzen musste, hatte sie gesehen, wie Lennys Mutter und Willi sich wild küssend ins Direktorzimmer verschwanden. So konnte sich Ricky auch erklären, warum Lenny immer wieder versetzt wurde. Außer ihr und Natalie wusste das keiner. Sie hatte es natürlich ihr erzählt.
„Alles ok?“, fragte Natalie.
„Mmh ! Willi stresst grad ! Aber egal.“
„Hallo ! Sorry, ich war noch einkaufen!“, rief Philomena, Rickys Mutter, aus dem Flur.
„Hi! Natalie ist da!“, begrüßte Ricky sie.
„Hallo, schön dich zu sehen. Na alles klar?“
„Mhm ! Mama, dürfen wir morgen n bisschen Party machen ? Weil Ferien anfangen halt !“
„Natürlich !“
„Ach ja ! Willi stresst mal wieder rum….“
„Und warum?“
„Ich hab nem Typen ein Veilchen verpasst…“
„WAS???“
„Halb so wild…“
„Warum????“
„Er hat dich beleidigt !“
„Du kannst ihn doch nicht schlagen, nur weil er mich beleidigt!“
„Und wie ich das kann ! Ich würd’s glatt noch mal tun!“
„Ich fass es nicht!“
„Ich hab’s doch nur für dich getan!“
„Oh Schatz!“
Rickys Mutter nahm ihre Tochter in den Arm.
„Meine kleine Epine!“, hauchte sie in Rickys Ohr.
„Nenn mich nicht so ! Du weißt, dass ich das hasse!“
„Aber das ist doch so ein schöner Name!“
Eigentlich hieß Ricky Epine Richard. Ihre Mutter liebte außergewöhnliche Namen, wie schon ihre Großeltern. Aber vom Französischen ins Deutsche übersetzt „Dorne“ zu heißen war für Ricky schon peinlich. Deswegen gab sie sich selbst den namen Ricky, inspiriert von ihrem Nachnamen.
„Nee…!!“
„Er beschreibt dich so schön!“
„Ich bin ein kleiner brauner Stachel ?!“
„Nein, der Name ist wunderschön, so wie du, aber so ein kleines liebes Mädchen bist du ganz und gar nicht!“
„Ah ja ! Aber keiner weiß, wie man den Namen ausspricht! Die sagen alle das ‚e’ am Ende!“
„Böse Welt !“, grinste ihre Mutter.
Ricky verdrehte die Augen und wendete sich an Natalie, die L.A. am Bauch kraulte.
„Komm, wir gehen mit ihm spazieren !“, meinte sie.
Ricky holte seine Leine und schon kam er angewatschelt. Ricky holte noch ihre Tasche aus dem Zimmer, während Natalie einzelne Haarsträhnchen vor dem Spiegel sortierte.
„Also ich finde den Namen ‚Epine’ auch schön.“, sagte Natalie.
„Nicht du auch noch !“, stöhnte Ricky. Und bog in einen schmalen Weg ein, der sie zu ihrem geheimen Park führte.
Den Park hatte ihr Vater ihr mal gezeigt, als sie L.A. bekommen hatte und zum ersten Mal mit ihm spazieren gegangen ist. Eigentlich mochte Ricky die freie, wilde Natur nicht, aber dieser Park war etwas besonderes. Mitten im dichten Gewächs von Bäumen und Büschen stand eine Trauerweide und vor ihr lag ein kleiner See. Dort waren nie Menschen. keine Personen, die sie nervten oder rumstressten. Nicht einmal Natalie wusste von dem See und der Trauerweide. Dieser Platz war nur schwer zu finden, wenn man den Weg nicht kannte.
Ricky lief nur den normalen Pfad entlang, der extra für Spaziergänger dort angelegt wurde, aber den See kannte keiner.
„Dort ist ne Bank ! Setzen wir uns dahin !“, schlug Natalie vor.
Ricky nickte. Sie ließ den Hund von der Leine. Der Hund war wie Ricky. Er hatte einen Dickschädel und ließ sich von niemanden etwas sagen, außer von Ricky. Nur sie konnte ihn an der Leine führen, aber ansonsten tat der Yorkshire-Terrier was er wollte.
„Willste au ne Kippe ?“, fragte Ricky. Normalerweise rauchte sie nicht so viel, aber zur Zeit hatte sie wieder ihre Öfters-eine-rauchen-Phase. Natalie nickte. Die Mädchen zündeten die Glimmstängel an und zogen genüsslich dran.
„Jetzt ist es wieder soweit. Wir haben unsere Raucher-Phase, wa?“, grinste die Braunhaarige.
Ihre Freundin erwiderte dieses Grinsen und blies den Rauch in die warme Mittagsluft.

Kapitel 2

Ein Wecker klingelte, noch bevor Ricky realisieren konnte, dass es ihrer war, wurde sie von ihrem Hund angesprungen.
„L.A. aus!!!“, knurrte sie verschlafen.
Es konnte doch unmöglich schon wieder sechs Uhr sein! Gerade eben hatte sie es sich noch in ihrem riesigen Bett gemütlich gemacht und schon kündigte das Mistvieh von Wecker den nächsten Tag an.
„Ricky, du musst aufstehen!“, rief ihre Mutter durch den Flur, als ob sie das nicht selbst wüsste! Aber etwas Anspornendes würde heute nicht geschehen, die Freude auf den Beginn der Ferien wurde ihr ruiniert, da ihr Direktor und ihre Mutter sie zu einem gemeinsamen Gespräch zwangen, dass hatte Ricky gestern abend von ihrer Mutter erfahren.
L.A. kratzte an der Tür und drängte seine Besitzerin somit aufzustehen.
„Jetzt hast du dich auch noch gegen mich verschworen!“, hielt sie ihrem Vierbeiner vor.
Doch ihn interessierte das wenig, er wollte wahrscheinlich, wie Ricky, auf’s Klo. Mit viel Mühe und Geduld hatte Ricky ihm beigebracht auf ein Katzenklo zu gehen.
Nachdem beide sich erleichtert hatten, begann Ricky mit der Katzenwäsche. Mittlerweile war auch ihre Mutter in der Arbeit. Kurze Zeit später war Ricky fertig und zog sich um, dann verließ sie die Wohnung und fuhr zur Schule. Dort wurden ihr bewundernde und sogar anerkennende Blicke zugeworfen. Sie war schon ganz irritiert, als Natalie ihr erklärte, dass sie die Aktion mit Lennys Auge guthießen.
„Hey Schlägerbraut! Biste auch im Bett so ’ne Harte?“, rief einer von Lennys Freunden zu ihr.
„Ignorier ihn!“, flüsterte Natalie.
„Hatte ich auch vor!“, sagte Ricky.
Die Mädchen liefen schon die Treppe nach oben, die sie in ihr Klassenzimmer brachte. Stöhnend ließ sich Ricky auf ihrem Platz nieder.
„Für eine Stunde lohnt sich das ganze hier gar nicht! Ich mein, der könnte mir einfach mein Zeugnis per post oder Mail schicken!“, meckerte sie.
„Ach komm! Die kleine Abschiedsparty mit den anderen ist doch auch cool!“, munterte Natalie sie auf.
„Mhm..“, Ricky hatte bis auf Natalie keine richtigen Freunde. Außer um ab und zu labern oder mal zusammen Party machen, hatte sie mit den anderen nichts am Hut, vor allen Dingen nicht mit dem männlichen Geschlecht. Ricky war nicht grade ein kontaktfreudiger Mensch. Jemanden zu vertrauen, fiel ihr schwer.
Die anderen Schüler kamen rein.
„Hi ihr zwei!!“, wurden sie von ein paar Mädchen begrüßt.
„Hi!“, gaben sie zurück.
„In drei Tagen, also Samstag, mach ich ’ne Party bei mir zu Hause! Wollt ihr kommen?“, fragte Jessy.
„Warum nicht?“, meinte Natalie und stupste Ricky an.
„Ja, klar, wir sind dabei!“, stimmte sie zu.
„Cool! Ach ja, das mit Lenny….alle sind total beeindruckt von dir!“, meinte Jessy zu Ricky.
„War doch nichts besonderes…..“
„Es war fabulös!“
Oh mein Gott! Was hat die den für’n Vokabular drauf?!, dachte sich Ricky.
„Wenn du meinst…“
„Bekommst du denn jetzt keine Strafe?“
„Am letzten Schultag? Wohl kaum…“, mischte sich Jacqueline ein.
„Aber gestern musste sie ja auch Hoffegen!“
„Hab ich aber nicht gemacht! Meine Mutter hat gute Argumente gebracht, als sie gestern mit Willi telefoniert hat und da hat er die strafe wegfallen lassen…..und nachher haben wir ein Gespräch mit ihm…..meine Mutter musste extra die Schicht wechseln!“
„Was glaubst du denn, was du bekommst?“
Ricky zuckte mit ihren Schultern.
Herr Willer kam ins Klassenzimmer.
„Guten Morgen!“, begrüßte er alle.
„Morgen….“, kam es im müden Chor zurück.
„Das ist heute der letzte Schultag! Und nächstes Jahr seid ihr alle schon in der 9.Klasse !“
„Hoffentlich haben wir ihn dann nicht mehr!“, flüsterte Ricky zu Natalie.
„Hast du etwas gesagt?“, fragte Herr Willer sie.
„Nö!“
„Wir reden ja später noch mal, wenn deine Mutter da ist !“
Ricky verdrehte ihre Augen.
„Kommen wir zu den Zeugnissen…“
Die Schüler stöhnten auf. Herr Willer würde wahrscheinlich wieder eine lange Predigt halten, die keinen interessierte. Außer in Physik und Mathe würde Ricky gute Noten haben.
„Das beste Zeugnis hat in diesem Jahr und eigentlich auch in allen anderen Jahren wieder einmal Natalie!“, verkündete er.
Er überreichte ihr ganz feierlich ihr Zeugnis.
„Wow! Damit hab ich gar nicht gerechnet!“, sagte Natalie.
„Ja nee! Du schreibst ja nur Einsen und Zweien!“, lachte Ricky.
Herr Willer teilte die restlichen Zeugnisse aus, dann verabschiedete er sich von den Schülern.
„Ach ja, Epine. Du kommst am besten gleich mit zu mir. Deine Mutter wird bestimmt auch schon da sein!“, meinte er.
„Ich komm auch mit!“, sagte Natalie.
„Danke!“, atmete Ricky erleichtert auf.
Alleine mit Willi irgendwo zu warten war nicht wirklich amüsant. Aber zum Glück war ihre Mutter schon da.
„Guten Morgen!“, bergrüßten sich die Erwachsenen.
„Natalie, du kannst draußen warten, wenn du noch nicht heim willst !“, meinte Herr Willer.
Natalie setzte sich neben die Tür und die drei anderen gingen ins Direktorzimmer.
„Setzen Sie sich!“, bot Willi an.
„Nun, Sie wissen ja, was ihre Tochter sich diesmal wieder geleistet hat…“, fing er an.
„Aber Herr Willer! Aus ihrem Mund hört sich das an, als ob meine Epine etwas schlimmes angestellt hätte. Sie wollte doch nur, wie jedes Kind, die ehre ihrer Eltern beschützen!“, schritt Philomena sofort ein, bevor Ricky ausrasten konnte.
Somit war wohl die Diskussionsrunde eröffnet.

„Gut, dann wünsch ich dir erholsame Ferien und dass wir das nächste Jahr besser anfangen können!“, sagte Herr Willer nach knapp zwei Stunden.
„Mmmhh…“, kam es von Ricky.
Endlich konnten ihre Ferien beginnen.
„Na, überlebt?“, grinste Natalie auf dem Flur.
„Na ja…..immerhin bekomm ich keine Strafe!“, sagte Ricky.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte Natalie wissen.
„Also Mama muss wieder arbeiten und ich hab schon ’ne Idee….“, lächelte Ricky verschwörerisch.
Mit diesen Worten verabschiedete sich Rickys Mutter auch schon und die Mädchen fuhren zu Rickys Wohnung.
In der Wohnung kramte Ricky einen Nasenring, den sie letzte Woche beim Piercer gekauft hatte, Nadel und Desinfektionszeug raus.
„Du machst das jetzt nicht wirklich oder?“, fragte Natalie.
„Doch! Is’ ja nur ’n kleiner Piecks und…..voilá….ich hab ein Nasenpiercing!“
Ricky hob die Nadel an ihre Nase. Als sie eine gute Stelle für ihr Piercing gefunden hatte, stach die durch. Dann machte sie den Ring rein.
„Sieht gut aus, oder?“, informierte sie sich.
Natalie nickte.
„So mutig wie du, wäre ich nicht! Du hast echt vor nichts Angst!“
Oh doch! Wenn du wüsstest!, dachte sich Ricky.
Spinnen, Blut oder Höhe konnten ihr nichts anhaben, aber wovor sie sich fürchtete, war die Dunkelheit.
Dort konnte sie nicht sehen, ob jemand auf sie lauerte. Nachts schlief sie nur, wenn das Rollo oben war. Wenn sie mal im dunklen Flur keinen Lichtschalter fand, bekam sie Panik.
Und das alles nur wegen ihrem Patenonkel Manfred.
Immer wenn er zu Besuch war wollte er Ricky ganz persönlich eine gute nacht wünschen, dabei nahm er immer ihre Hand und steckte sie in seine Hose….
Das tat er schon seit Jahren. Ricky hasste ihn dafür, sie hasste das, was er tat.
Als er es bei Ricky das erste mal tat, war Ricky sechs Jahre alt gewesen. Es war stockdunkel, aber damals hatte sie auch noch keine Angst gehabt. Doch seit dieser Nacht ließ sie immer ein Dämmerlicht an.
An der Beerdigung ihres Vaters sagte er zu ihr, dass sie wunderschöne Hände habe und hat sie dabei hinterhältig angelächelt, noch am gleichen Tag hatte Ricky sich ein Messer genommen und vom Zeigefinger über den ganzen Handrücken sich eine Narbe zugefügt, nun sah ihre Hand hässlich aus, fand Ricky.
„Wieso bist du so furchtlos? Ich werde schon bei dem bloßen Gedanken an Blut ohnmächtig!“, wollte ihre beste Freundin wissen.
„Keine Ahnung…..“, meinte Ricky und biss sich auf der Unterlippe rum.
„Hey guck mal! Da gibt’s ne neue Band! Tokio Hotel? Was ist denn das für’n Name?“, machte Natalie Ricky auf den Fernseher aufmerksam.
Auf dem Bildschirm waren vier Jugendliche zu sehen. Am Schlagzeug saß ein blonder Junge, etwas mollig, mit braunen Augen. Am Bass war ein Junge mit grünen Augen, schulterlangen braunen Haaren und einer komischen Nase.
Am Mikrofon war ein schwarzhaariger Junge, wie Ricky vermutete, allerdings war sie sich dabei nicht ganz sicher. Aber sein Style gefiel ihr. Er trug ’ne Lederjacke, eine zerfetzte Hose unter der sich noch eine ganze befand, seine Augen waren schwarz geschminkt und seine Haare waren einmalig! Die hinteren Haare waren hochgegelt und eine fette schwarze Strähne verdeckte fast sein halbes Gesicht.
Aber auch seine Stimme gefiel Ricky, überhaupt war der ganze Sound sehr gut und der Inhalt des Textes auch.
Dann tauchte er auf….
Ein HipHopper erschien im Clip. Er war wohl der Gitarrist der Band. Er trug weite Klamotten, hatte Dreads, die zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden waren, ein Lippenpiercing in der linken Seite seiner Unterlippe und wunderschöne braune Augen.
Sie strahlten eine Wärme aus und Ricky bekam davon Schmetterlinge im Bauch.
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